Aus der Fotoausstellung "Generationen" (2020)

Roman "Sehnsüchtig unerwartet"

 

 

 

Was verbindet eine lebensmüde Büroangestellte mit einem Windsurfer aus Kroatien und was hat ein Französischprofessor mit einem Wrestler gemeinsam? Auf den ersten Blick nichts. Doch die verborgene Sehnsucht, das Leben zu verändern, schlummert in jedem von ihnen. Wird es ihnen gelingen, aus dem Alltag auszubrechen? Unerwartete Ereignisse begegnen diesen Menschen, neue Möglichkeiten eröffnen sich.

 

 

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Leseprobe:

 Um 17:45 betritt sie den Bahnsteig der Linie 2. Eine Viertel­stunde zu früh; ihr Rendezvous mit Kevin findet genau an dieser Stelle erst um 18:00 statt.

Anna hat keine Ahnung, wie Kevin aussieht oder wie alt er ist. Sie weiß nur, dass er eine Karte mit einem Bild des Death Valley in der Hand halten wird.

 

Es beruhigt Anna, sich bei diesem Date nicht dem Stress aussetzen zu müssen, in kurzer Zeit zu einem Schluss kom­men zu wollen, ob ihr dieser Mann gefiele oder ob sie seine Art ansprechend fände.

Kevin dürfte klein und dick sein, O-Beine, bleiche, schwabbe­lige Oberarme, eine rote Knubbelnase, abste­hende Ohren, schiefe, braune Zähne und eine Glatze haben, im Watschelgang auf sie zugehen, mit unangenehm schnarrender Stimme zu ihr sprechen, sie mit feucht­geschwit­zten Fingern anfassen und riechen wie ein alter Boxerhund, der sich gerade aus dem Sumpf der Sicker­grube befreit hat.

All das könnte sie gelassen akzeptieren, wenn er nur gute Ideen bezüglich des gemeinsamen Projekts haben würde.

 

Von allen Problemen der noch länger Lebenden befreit, lässt Anna es zu, emotionslos auf die Schienen zu stieren. Es ist nicht mehr notwendig, dass sie sich ein schlechtes Gewissen macht und Schuldgefühle hat, weil sie nichts empfindet und keine lebensbejahenden Zukunftspläne schmiedet.

Sie genießt es, sich vorzustellen, sie wäre ein Wurm, der sich ziellos, wunschlos, aber zufrieden seinen Weg durch das dunkle, lehmige Erdreich bahnt und sich von seinem Ehrgeiz verabschiedet hat, seiner blassrosa Haut durch ein erfolgreiches Sonnenbad eine attraktive Farbe zu verleihen.

Eine U-Bahn ohne Fahrgäste saust vorbei. Anna hat eine Eingebung für die bevorstehende Besprechung: Sich knapp vor einen herannahenden Zug zu stürzen, das müsste eine zielführende Variante sein. Doch ob sie schmerzarm ist und verantwortungsbewusst den anderen Menschen gegen­über?

 

Bevor sich Anna in tiefgründige Philosophien verstricken kann, wird sie von einer Frau angerempelt. Diese wühlt ungeduldig in ihrer Tasche und flucht: „Ach Scheiße, wo ist mein Feuerzeug? Schon wieder verloren?“, um sich sogleich etwas sanfter an Anna zu wenden: „Haben Sie Feuer?“

Leise, lethargisch und mit einem Hauch von Unbeschwert­heit kommt von Anna: „Nein, Feuer habe ich schon länger keines mehr. Vor zwei Jahren ist jegliches Feuer in mir erloschen.“